BOLLWERK
[Tagline folgt]
„Die Götter gewinnen. Ich fürchte, das ist nun so sicher wie die Bäume, die ihre Blätter verlieren.“
— Deorca, Bollwerk – Sieben Ritterkönige
Worum es geht
Bollwerk. Ein eindeutiger Begriff und doch zugleich Ausdruck einer Ordnung unter den Göttern, eine Definition der Natur dieser Welt und Tor zum Infragestellen der Realität.
Die Geschichte beginnt noch auf so simple Weise, dass sieben Ritter einen König stürzen wollen. Doch mit jedem vorangeschrittenen Kapitel offenbart sich eine weitere Perspektive auf das Geschehene und das, was noch passieren wird. Ein Puzzle, dem immer mehr Stücke hinzugefügt werden und die drohen, sich jederzeit neu anzuordnen und ein bisher unbekanntes Bild zu ergeben. Das ist das Bollwerk.
Die Reihe auf einen Blick
- GenreEpische Dark Fantasy
- Veröffentlicht1 Band
- AutorElian A. Keil
- SpracheDeutsch
Sieben Ritterkönige
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Die Bände
Band I und Band II sind eigenständige Romane. Band III erzählt die Geschichte in vier gleichwertigen, jeweils romanlangen Akten weiter.
Sieben Ritterkönige
Ein falscher Glaube hat das Königreich Equin in den Abgrund gerissen und dem Adel seine Macht genommen.
Verlorener Prinz
Fünf Jahre sind seit der folgenreichen Schlacht im Krater von Hofstan vergangen.
Das Scharlachrote Chaos
Die Stadt Glessoir ist gefallen – und mit ihr die letzte Hoffnung des Königreichs Honor.
Das Oberste Stockwerk
Etrag und seine Streitmacht sind ihrem Ziel nicht mehr fern.
Die Schlacht von Eldaroux
Die Streitmächte sind versammelt, die Kontrahenten stehen sich gegenüber.
Sieben Ritterkönige
Ein falscher Glaube hat das Königreich Equin in den Abgrund gerissen und dem Adel seine Macht genommen. Die Grundfesten der Nation sind erschüttert, aus einer irrtümlichen Ordnung ist Anarchie erwachsen. Verblendet von der eigenen Geschichte, ist das Adelsgeschlecht vom Unterdrücker zum Unterdrückten geworden.
Nur sieben Ritter, aufgewachsen im Chaos, erheben sich aus der Asche und wagen es, das Erbe ihrer Häuser anzutreten – gegen das Paradoxon eines Königs der Anarchie, und gegen Kräfte, für die es keine Erklärung gibt.
Leseprobe
Die ersten Seiten von Sieben Ritterkönige.
Das Warten hat ein Ende
Zitadelle von Luze, Königreich Honor, früh am Morgen – Das Schicksal ist eine Lüge. Es wäre töricht, euch das Gegenteil zu versichern, selbst dann, wenn die Stimme der Gesellschaft anderes raunt, ja selbst dann, wenn euch ein Gott in trügerischer Milde widerspräche. Denn worum es hier nicht geht, ist die müßige Frage nach dem Dasein jener Fäden, sondern um die weit unerquicklichere, gefährlichere und bis heute ungelöste Frage, wie sie gezogen wurden, und von wem.
Das erste Kapitel dieser Welt, von dem ich euch nun erzähle, beginnt einunddreißig Jahre nach dem sogenannten »Tag des Schicksals«.
Burg Strong, Königreich Equin, zur Mittagsstunde. - Zwei Ritter in voller Montur saßen auf dem kalten Steinboden vor einem Lagerfeuer, das wie ein trotziges Herz inmitten des verlassenen, staubigen Thronsaals schlug. Obwohl der Frühling längst Einzug gehalten hatte, lag in dieser Stunde noch immer die Kälte des Morgens in der Luft, ein frostiger Atem, der sich zwischen Säulen und zerbrochenen Bannern verfing. Der Jüngere der beiden stocherte gedankenverloren mit dem Schürhaken im Feuer, als könne er in den tanzenden Funken Antworten finden. Seine Rüstung war düstergrau, von gelben Bemalungen durchzogen, die Farben seines Hauses, matt geworden vom Staub der Flucht und der Stille des Wartens. Der andere, deutlich ältere Ritter trug dieselben Farben, doch seine Rüstung erzählte von vergangenen Jahren: Kerben, Dellen, Narben aus Stahl, die mehr Schlachten kannten als man zählen konnte. Sie warteten. Seit Wochen warteten sie darauf, dass es geschah. Niemand wusste, wie viele Besitztümer dem Adel noch geblieben waren, welche Namen noch Gewicht trugen, welche Banner noch Schutz bedeuteten. Doch sie beide wussten, dass diese Burg das Letzte war, was dem Hause Sorfaest noch blieb. Keine weitere Feste. Keine Stadt. Kein Dorf. Nicht einmal ein Hof, auf dem man hätte sterben können. Sollte es also an der Tür des Saals klopfen, wären sie von einem Augenblick zum nächsten nicht mehr als einfache Männer in einem Königreich, das bereits im Chaos versank. Dann klopfte es. Die Tür wurde aufgestoßen, und ein junger Bediensteter stürmte in den Saal, außer Atem, bleich, als habe er den Tod selbst im Rücken.
»Sie sind hier!«, brach es aus ihm hervor.
Der ältere Ritter erhob sich langsam. Er griff nach seinem mächtigen Zweihänder, der auf dem Boden geruht hatte wie ein schlafendes Tier.
»Wie viele?«
»Über hundert. Sie fordern die Burg und …« Die Stimme des Jungen brach ab. Nicht aus Angst, sondern aus Mitleid.
»… und meinen Kopf«, vollendete der alte Ritter ruhig.
Der Bedienstete nickte, Tränen in den Augen, die er mit aller Kraft zurückhielt.
Der jüngere Ritter trat vor. »So sei es.«
Mit einem plötzlichen, kräftigen Schlag traf der Ältere den Jüngeren mit der Faust gegen die Brust, hart genug, um ihn taumeln zu lassen.
»Du nicht! Geh durch den Tunnel und verschwinde!«
So hatte man es dem jungen Ritter nicht beigebracht. Man hatte ihn gelehrt, seinem Schicksal mit erhobenem Haupt entgegenzutreten, nicht den Rücken zu kehren.
»Ich bin kein Feigling. Ich werde mich genauso stellen wie du, genauso wie mein Vater.«
Diesmal legte der Alte ihm die Hand auf die Schulter, schwer, aber sanft, wie ein letzter Segen.
»Du bist kein Feigling. Du bist das Schwert, das Schild und die Krone des Hauses Sorfaest. Du bist die einzige Hoffnung, dass Gerechtigkeit noch einmal ihren Weg findet.«
Der Jüngere zögerte. Die Worte trafen ihn wie ein stiller Schlag. Der Alte hatte recht, und das wusste er.
»Dann komm mit mir«, sagte er leise.
Stolz hob der Ältere sein Schwert. Auch durch den Helm hindurch war sein Lächeln zu spüren, wie ein warmes Licht inmitten des drohenden Endes.
»Ich werde dir den Rücken freihalten.«
Der Jüngere wusste, dass keine Bitte, kein Wort ihn von diesem Vorhaben abbringen würde. Bliebe er selbst, wäre alles umsonst gewesen. Traurig schüttelte er also den Kopf.
»Dann lebt wohl, Onkel.«
Der Alte nickte entschlossen. »Leb wohl, mein Junge.«
Der Jüngere wandte sich ab und ging auf die kleine Tür am Ende des Saals zu, die in den Tunnel führte. Hinter ihm blieb der Alte zurück. Auch wenn seine Zeit fast abgelaufen war, und er wusste es, war es lange her, dass er Hoffnung gespürt hatte.
Er wandte sich an den Bediensteten. »Sag den Wachen am Tor, ich stoße gleich zu ihnen.«
Der Junge nickte und gehorchte. Der Blick des Alten wanderte ein letztes Mal durch den Saal. Vierzig Jahre hatte er hier geherrscht, unter diesem Dach, zwischen diesen Mauern. Diese Burg war sein Zuhause gewesen. Und wenn sie fallen sollte, dann mit ihm.
Mit einer Fackel in der Hand stieg der Ritter die steile, enge Wendeltreppe hinab, Stufe um Stufe, tiefer in den Leib der Burg, bis er vor einem kleinen, eisenbeschlagenen Tor stand. Er entriegelte nacheinander drei schwere Schlösser, deren Metall unter seinen Händen klagte, und trat in eine große, dunkle Kammer. Sie war zu hoch, zu tief, zu alt, als dass das Licht der Fackel sie ganz hätte erfassen können. Die Flammen warfen nur zitternde Inseln aus Gold in ein Meer aus Schwarz. Der Ritter legte die Fackel auf den Boden, als wolle er dem Feuer selbst befehlen zu bleiben, und rief in die Schwärze hinein:
»Stanscur!«
Ein Knacken antwortete. Dann ein Beben. Ein tiefes, immer lauter werdendes Atmen bewegte sich durch die Dunkelheit auf ihn zu, schwer wie ein nahender Sturm. Langsam, unaufhaltsam, formten sich die Umrisse einer monströsen Gestalt, ein Vielfaches größer als der Ritter, bis schließlich die Wahrheit sichtbar wurde. Stanscur war ein Drache. Nicht irgendein Drache, sondern der einzige Drache des Hauses Sorfaest. Er türmte sich vor dem Alten auf, seine Masse füllte die Kammer, und ein dumpfes Kreischen entwich seiner Kehle. Terrakottafarbene Schuppen wurden sichtbar, robust wie gehärteter Stein, alt wie die Mauern selbst. Zwar war Stanscur unter den Drachen ein kleiner, und sein Geist reichte kaum weiter als der eines Hundes, doch seine Schuppen gehörten zu den widerstandsfähigsten aller Arten, ein lebendiger Panzer gegen die Welt. Langsam, beinahe ehrfürchtig, senkte er den Kopf zu seinem Reiter und Freund. Wie Seelenverwandte blickten sie einander in die Augen. Der Ritter legte sanft die Hand auf die schuppige Nase.
»Na, du alter Sack«, murmelte er. »Ausgeschlafen?«
Stanscur schloss und öffnete die Augen. Drachen konnten nicht sprechen, doch sie verstanden, ohne Zweifel, ohne Zögern.
»Wenn ich je einen wahren Freund hatte«, sagte der Ritter leise, »dann dich, mein Lieber.«
Der Drache rieb den Kopf an der alten Rüstung, ein stummes Erwidern, und der Ritter lachte, halb aus Freude, halb aus Trauer. Dann löste er sich aus der wortlosen Umarmung und ging an dem Drachen vorbei auf ein großes Tor am anderen Ende der Kammer zu. Verwirrt folgte Stanscurs Blick seinem Herrn. Der Ritter stellte sich an den Hebel. Er zog. Nichts geschah. Der Hebel war rostig, lange unberührt, ein vergessenes Werkzeug einer anderen Zeit. Der Ritter stemmte sich dagegen, mit aller Kraft, mit dem Gewicht seines Körpers, doch der Hebel rührte sich nicht. Stanscur stieß heulende Laute aus, unruhig, ahnungslos. Der Ritter begann zu schreien. Alles, was noch in ihm war, jede letzte Kraft, jeder Rest von Zorn und Pflicht, presste er gegen das Metall. Erst knirschte es, dann quietschte es, dann, mit einem plötzlichen, brutalen Ruck, gab der Hebel nach. Der Ritter stürzte zu Boden, während das große Tor sich ächzend öffnete. Tageslicht strömte herein. Zum ersten Mal seit viel zu langer Zeit erblickte Stanscur die Sonne. Geblendet, gebannt, stand er da, als hätte man ihm die Welt neu erschaffen. Der Ritter richtete sich lachend vom Boden auf.
»Stanscur!« rief er.
Wieder trafen sich ihre Blicke. Der Ritter hob den Zeigefinger und deutete hinaus, in die Weite, in den Himmel.
»Verschwinde.«
Der Drache blickte kurz hinaus, und dann zurück. Er rührte sich nicht.
»Hast du mich nicht verstanden?« Der Ritter schrie nun, seine Stimme brach. »Verschwinde! Sofort! Na los!«
Stanscur kreischte zurück. Ein klares Nein, roh und schmerzlich.
»Du sturer Junge!« Die Worte wurden lauter, härter. »Wenn ich sage, du sollst verschwinden, dann verschwindest du!«
Und dann schlug er ihn. Man schlägt keinen Drachen. Nicht einmal, wenn man sein Reiter ist. Niemals. Voller Zorn bäumte sich Stanscur auf. Ein Kreischen, dann eine mächtige Flamme, die gegen die Decke der Kammer schlug. Licht und Hitze explodierten, der Ritter riss den Arm vor das Gesicht, um nicht geblendet zu werden. Doch er wusste, was er getan hatte. Wer Drachen nicht kannte, hätte nur ein furchterregendes Brüllen gehört. Wer jedoch mit ihnen lebte, wer auf ihnen ritt, hörte den Schmerz. Die Trauer. Den Verlust. Der Ritter ging vorsichtig auf ihn zu, Schritt für Schritt, und legte die Hand auf die Brust des Drachen, dort, wo das Herz schlug wie ein ferner Donner.
»Schon gut, mein Junge«, sagte er leise. »Du wusstest, dass dieser Tag kommen würde.«
Doch Stanscur kreischte weiter, klagend, zerbrochen. Langsam, mit zitternden Schritten, bewegte er sich auf den Ausgang zu.
»So ist es gut«, flüsterte der Ritter.
Am Tor blieb der Drache stehen. Dahinter lag die Klippe, der Fall ins Nichts, der offene Himmel. Ein letzter Blick, ein letzter Schrei, nur für seinen Freund.
»Flieg«, sagte der Ritter sanft.
Mit einem Ruck stieß sich Stanscur hinaus, in den Wind, in die Freiheit. Kreischend, feuerspeiend flog er davon, fort von allem, was gewesen war. Der alte Ritter blieb stehen, reglos, und sah ihm nach, bis der Drache nur noch so groß wie ein Rabe am Himmel war. Nur der Helm verbarg die eine Träne, die er nicht zurückhalten konnte. Und auch der junge Ritter, der bereits viele hundert Meter entfernt war, sah den Drachen kreischend am Himmel verschwinden, und wusste in diesem Moment, wie endgültig alles an diesem Tag geworden war.
Der Bedienstete aus dem Thronsaal stand auf einem der Türme der bröckeligen Burgmauer und blickte hinab auf die tobende Menschenmasse, die sich vor dem Gitter des Burgtors staute und mit roher Wut dagegen hämmerte. Es erfüllte den Jungen mit lähmender Angst, diese Menschen zu sehen, jene, die sich selbst das »gemeine Volk« nannten und doch nach Blut gierten wie Tiere im Rausch. Die wenigen Soldaten und Bediensteten, die der Burg treu geblieben waren, hatten sich im Hof vor dem Tor versammelt. Ihre Gesichter waren grau vor Erschöpfung, ihre Haltung gebrochen, ihre Stimmung so düster wie die Wolken, die sich über der Feste sammelten. Sie starrten ihrem Tod entgegen, ohne den Blick abzuwenden. Und doch war da etwas, das sie hielt: Treue. Der Junge auf dem Turm war trotz allem beeindruckt von dieser stillen Entschlossenheit. Und er verstand sie. Er verstand den Zorn, der den Niedergang des Adels begleitet hatte, die anarchischen Gedanken, die aus Hunger und Ungerechtigkeit geboren worden waren. Doch er verstand das Massaker nicht, das daraus erwuchs. Er war dem Grafen stets treu gewesen, aus freiem Willen, und dieser hatte ihm mit Wertschätzung, Respekt und Güte geantwortet. Und waren diese Wilden nicht selbst einem König treu, einem selbsternannten zwar, doch nicht weniger fanatisch? Ironisch, dass ausgerechnet ein König über die Anarchie herrschte. Man hätte meinen können, solche Gedanken seien in diesem Moment fehl am Platz. Aber was blieb ihm sonst? Hoffnung? Ein Gott hatte dem Reich längst unmissverständlich gezeigt, dass Hoffnung bedeutungslos war.
Das Krachen eines zuschlagenden Tors riss den Bediensteten aus seinen Gedanken. Der alte Ritter, der Graf, trat in den Hof und gab sich seinen Untertanen zu erkennen. Erwartungsvoll ruhten alle Blicke auf ihm. Auch die Wilden am Gittertor erkannten ihn, und ihre Wut kochte über. Ruhig, doch mit schwerem Ernst, blieb der Graf vor seinen Männern stehen.
»Ich könnte nun eine motivierende Ansprache halten«, begann er und schenkte ihnen ein letztes, müdes Schmunzeln, »und um ehrlich zu sein, mir würden einige gute Worte einfallen. Aber diese Zeiten sind vorbei. Ich danke euch für eure Dienste, eure Treue und euren Mut, so lange an meiner Seite gestanden zu haben, bis zum Ende aller Tage.«
Der junge Bedienstete kletterte die Leiter vom Turm hinab. Er spürte es, noch bevor die Worte fielen: Jetzt kam etwas, das er nicht hören wollte.
»Ich bitte euch«, sagte der Graf, »legt eure Waffen nieder. Ergebt euch. Lebt ein gutes Leben.«
Empört schüttelten die Soldaten die Köpfe. »Niemals!«
Diese Antwort schenkte dem Grafen einen Hauch von Frieden, so sehr er sich auch wünschte, sie lebend zu sehen. Ein Soldat trat vor.
»Mein Herr, verzeiht, aber dieser Bitte kann ich nicht nachkommen. Ich habe euch meine Treue geschworen, und ich werde diesen Schwur nicht brechen.«
Entschlossen stimmten die anderen zu.
»Ein neues Zeitalter ist angebrochen«, flehte der Graf. »Das Adelsgeschlecht stirbt aus, vielleicht sogar zu Recht. Ihr seid nun die Herren dieses Reiches. Jetzt ist eure Zeit gekommen.«
Doch der Soldat wich nicht zurück. »Eure Zeit, mein Herr, ist unsere Zeit.«
Wieder erklang Zustimmung.
Der Graf senkte den Kopf. »Dann lasst ihr mir keine andere Wahl.«
Verwirrt wechselten seine Gefolgsleute Blicke.
»Ich, Steppen, Graf von Burg Strong, Mitglied des ehrwürdigen Hauses Sorfaest, Wächter des Grabens und Drachenritter des Drachen Stanscur, befehle euch als eurem Herrn: Legt die Waffen nieder, ergebt euch und lebt ein Leben, das euch durch meine Art verwehrt geblieben ist.«
Das war es, was der Schwur verlangte. Den Befehlen des Herren zu folgen. Widerwillig ließen die Männer Schwerter und Schilde fallen. Tränen brannten in ihren Augen, während sie dagegen ankämpften, sie nicht fließen zu lassen. Der junge Bedienstete tat es nicht. Die Tränen liefen ihm über das Gesicht, während er abseits stand und seinem Herrn, der ihn großgezogen hatte, dabei zusah, wie dieser sich bereitmachte, allein zu sterben.
»So ist es gut«, sagte Steppen leise. »Es war mir eine Ehre, euch in all den Abenteuern an meiner Seite gehabt zu haben.« Dann wandte er sich dem Jungen zu. »Mein Junge, öffne das Tor.«
Der Junge rührte sich nicht. Er konnte nicht. Ihre Blicke hielten einander fest. Steppens Helm verbarg seine Augen, doch der Junge sah sein Gesicht dennoch. Ein sanftes Nicken, voller Gewissheit. Mit zitternden Beinen wandte sich der Junge ab und ging zum Tor. Die Flüche der Angreifer, das Fordern von Steppens Kopf, wurden lauter, wilder, hungriger. Langsam, entschlossen, schritt der Graf an seinem Gefolge vorbei auf das Tor zu. Wie ein wahrer Ritter erhob er seinen mächtigen Zweihänder, bereit für alles, auch für den Tod. Schluchzend entriegelte der Junge das Tor. Wie ein reißender Strom brach die Masse aus Plünderern, Banditen und Verbrechern, die sich selbst das Volk nannten, in den Hof. Steppen Sorfaest trat ihnen entgegen, ohne Zögern, ohne Bedauern. Mit einem einzigen, mächtigen Schlag mähte er die erste Reihe nieder. Trotz seines Alters von über sechzig Jahren lag in seiner Bewegung die Wucht eines der größten Krieger des Reiches. Der Anblick ließ die Angreifer erstarren. Tote lagen zu seinen Füßen. Dann brach der Sturm erneut los. Von allen Seiten stürzten sie auf ihn ein. Für jeden Schlag, der ihn traf, verteilte er zehn. Fast eine Stunde lang hielt er stand. Über fünfzig Männer hatte er besiegt, doch Knochen waren gebrochen, Fleisch geschnitten, Blut vergossen worden. Seine ehemaligen Untertanen sahen zu, wie er sich weigerte zu sterben.
Keuchend, Blut spuckend, kniete Steppen schließlich nieder und stützte sich auf sein Schwert. Seine letzte Schlacht war geschlagen. Die Kräfte waren fort, die Ehre bedeutungslos. Und doch blickte er mit Stolz auf sein Ende. Da stürzte der junge Bedienstete vor und stach den Banditen nieder, der Steppens Leben nehmen wollte. Er drehte sich um, die Klinge erhoben, und rief:
»Ihre Zeit … ist unsere Zeit!«
In diesem Moment stürmten die Soldaten von Burg Strong vor, entfesselten einen verzweifelten Kampf um das Leben ihres Grafen. Steppen versuchte aufzustehen, er konnte sie nicht allein kämpfen lassen, doch seine Kraft lag bereits in den Leichen seiner Feinde. Er brach zusammen und sah zu, wie seine Freunde fielen, einer nach dem anderen, nur um ihm treu zu bleiben. Bald stand nur noch der Junge, wild entschlossen, kaum geübt im Kampf, unfähig aufzugeben. Die Angreifer machten sich einen grausamen Spaß daraus, ihn zappeln zu lassen. Steppens Seele brannte, während er zusah, obwohl er den Ausgang längst kannte.
»HÖR AUF!« schrie er mit seinen letzten Kräften.
Der Junge hörte nicht. Plötzlich wurde es still. Der Kopf des Jungen fiel mit starren Augen zu Boden, der Körper in die entgegengesetzte Richtung. Steppen brachte keinen Laut hervor, doch in ihm schrie alles. Blut tropfte von der Klinge eines großen, dunklen Schwertes. Ein breiter Mann in schwarzer Ritterrüstung und schwarzem Umhang stand im Zentrum der Stille. Nicht der Tod des Jungen hatte den Wilden die Sprache verschlagen, sondern die Anwesenheit dieses Mannes. Langsam, das Schwert über den Boden schleifend, ging er auf Steppen zu. Dann begann er zu lachen, laut, wahnsinnig. Er beugte sich hinunter.
»Ist das nicht scheiße berauschend?«
Flammen der Wut sammelten sich in Steppens Augen. »Du Monst—«
Der Satz endete nie. Mit einem einzigen Hieb war auch Steppens Kopf vom Körper getrennt. Der ehrenvolle Krieger, dem Respekt, Ehre und Treue alles bedeutet hatten, lag nun wie ein geschlachtetes Tier im Staub seiner eigenen Burg.
Der dunkle Ritter wandte sich an sein Gefolge. »Als Kommandant dieser Aasgeier von Truppen, beanspruche ich, Wreece, diese Burg!« Er lachte erneut, kalt und grenzenlos.
Zitadelle von Luze, Königreich Honor, früh am Morgen – Nun, das mag auf den ersten Blick alles etwas aus dem Zusammenhang gerissen erscheinen. Doch glaubt mir: Das ist es nicht. Denn der jüngere Ritter, der den Namen Bysen Sorfaest trägt und für den sich sein Onkel Steppen einst geopfert hatte, nimmt in dieser Geschichte eine Rolle ein, die weit über das hinausgeht, was man ihm zu dieser Stunde zutrauen würde. Zwar nenne ich ihn den jüngeren Ritter, doch steht auch er bereits an der Schwelle zu seinen Vierzigern, einem Alter, in dem die meisten Männer des Reiches längst begonnen haben, ihre Taten zu rechtfertigen, statt neue zu begehen. Er ist nicht nur einer der berüchtigtsten Ritter des Landes, sondern auch der rechtmäßige Erbe der Stadt Heathburrow, der größten Stadt Equins. Was er zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, und was ihm auch niemand hätte sagen können, ohne damit den Lauf der Dinge zu verhöhnen, ist, dass er in nicht allzu ferner Zukunft zu einem der legendären sieben Ritterkönige werden würde. Doch bevor wir die Fäden weiterziehen, lasst uns das Fundament festigen, auf dem all dieses Chaos ruhte, damit ihr versteht, wie ein Königreich wie Equin überhaupt in eine solche Lage geraten konnte.
Hundertzweiunddreißig Jahre vor den hier geschilderten Ereignissen wurden die Welt und ihre Bewohner Opfer einer Lüge von solcher Größe, dass sie bis heute nachhallt. Um diese Lüge zu begreifen, muss man jedoch zunächst die Ordnung dieser Welt verstehen. Und nein, ich spreche nicht von Nationen, nicht von Menschen, Regierungen oder Diplomatie, ich spreche von den Göttern. Nun, die Götter … Weder sind sie Herrscher noch bloße Naturgesetze. So wie ihr, so wie ich, sind sie eigenständige Individuen: ausgestattet mit Wünschen und Ängsten, mit Stolz und Empathie, mit Liebe und Hass. Die wichtigste Parallele, und zugleich der größte Unterschied, liegt jedoch im Verlangen nach Sinn. Auch sie sehnen sich nach ihm, vielleicht noch inniger als wir. Der Unterschied besteht darin, dass sie tatsächlich einen Sinn besitzen. Zumindest hat jemand oder etwas ihnen einen solchen auferlegt. Wer oder was das war, bleibt selbst mir verborgen. Dieser Sinn bestimmt ihr gesamtes Dasein. Alles, was sie tun, denken oder fühlen, richtet sich nach diesem auferlegten Zweck. Natürlich folgen die Götter nicht alle demselben Sinn, nein, jeder von ihnen ist einem eigenen Pfad unterworfen. Zwar wissen wir von einigen wenigen tatsächlichen Kontakten mit Göttern oder ihren Avataren, doch bleibt ihre wahre Natur, vielleicht sogar ihre Gesellschaft, uns bis heute weitestgehend verschlossen. Wir kennen bestenfalls die Identität einer Handvoll von ihnen. Die Theorie des Bollwerks jedoch besagt, dass es womöglich Hunderte, wenn nicht Tausende von Göttern gibt. Einer dieser Götter, von dem wir glauben, dass er zu den bedeutendsten zählt, wird der Fadengott genannt. Wenig wissen wir über seine Macht oder über seine Persönlichkeit, doch berichten uralte Schriften, er webe die Fäden des Schicksals selbst. Ich gebe zu, dass ich dem Wissen alter Zeiten selten vertraue, doch in diesem Fall könnten sie recht behalten haben. Denn es war eben dieser Fadengott, dessen Avatar hundert Jahre vor dem Tag des Schicksals in allen großen Städten und Burgen des Kontinents erschien. Nie zuvor, zumindest nach allem, was uns überliefert ist, griff ein Gott so offen und so aktiv in die Geschicke der Welt ein. An jedem Ort seines Erscheinens verwoben sich goldene Fäden zu monströsen Uhren. Heute kennen wir sie als Fadenuhren. Was zunächst nichts als Verwirrung stiftete, offenbarte bald seinen wahren, schrecklichen Zweck. Lasst mich euch die überlieferten Worte des Avatars zitieren, und urteilt selbst:
»Die Götter bewerten eure Entwicklung bald als abgeschlossen. Das Ende des Chaos naht, und das Schicksal wird beginnen. Manch einen wird die Trauer verschlingen, manch einer wird sein Glück finden, und manch einer wird dem Wahnsinn verfallen. Egal, wer ihr seid, ob Mann oder Frau, ob alt oder jung, ob bedeutend oder bedeutungslos, niemand wird der Konfrontation mit dem Schicksal entfliehen können. Kein Tod, kein Impuls, keine Seele, kein Wahnsinn, keine Nacht und kein Scharlachrot kann euch vor mir retten oder vor dem Lauf der Geschichte bewahren. Hundert Jahre sollt ihr Zeit haben, zu akzeptieren, was unausweichlich ist. Hundert Jahre sollen euch diese Uhren erinnern. Und hundert Jahre sollt ihr frei sein.«
Mit diesen Worten verschwand der Avatar so plötzlich, wie er erschienen war. Jedes der großen Reiche reagierte auf diese göttliche Botschaft auf seine eigene Weise. Während manche sie schlicht ignorierten, verfielen andere ins Chaos; wieder andere versanken in einer Jahrhundert lang währenden Depression, und einige bauten ihre Gesellschaft und Religion um die Fadenuhren und das nahende Schicksal herum. So auch das Königreich Equin, dessen Geschick im Zentrum dieser Geschichte steht. Equin, das Königreich der Geflüchteten, wie es einst genannt wurde. Heute würde kaum jemand diesen Namen verwenden, und doch ist er nicht falsch. Gegründet wurde das Reich etwa sechzig Jahre vor dem Erscheinen der Fadenuhr von einem Adelshaus, das vor dem Chaos des Nordens floh. Diese Dynastie zeichnete sich durch einen Mut aus, der selbst die alten Stammeskönigreiche, die dieses Land seit Generationen beherrschten, zur Unterwerfung und zum Treueschwur zwang. Einhundertsechzig Jahre währte die Herrschaft dieser Dynastie, bekannt als das Haus Andraed. Zwar betrachte ich den sogenannten Tag des Schicksals, jenen Tag, an dem die Fadenuhren schließlich auf Null standen, als eine dreiste Lüge, geschaffen von einem übermenschlichen Strippenzieher, doch muss selbst ich eingestehen, dass dieser Tag das Schicksal Equins unwiderruflich in eine andere Richtung lenkte. In den hundert Jahren, in denen die Fadenuhren tickten, stand allein der König über ihrer Präsenz. Alle drei Könige dieser Epoche unterwarfen sich der Botschaft des Fadengottes und richteten Reich und Gesellschaft darauf aus, dem Schicksal am Ende dieser Frist entgegenzutreten. Der König war fortan nicht mehr nur Herrscher, sondern Oberhaupt einer Glaubensrichtung, einer Religion, errichtet auf einer Lüge.
Aus Sicht des Volkes wurden König und Adel zum lebendigen Symbol des nahenden Schicksals. Die Abhängigkeit vom Adel war im Feudalsystem ohnehin hoch, doch nun wuchs sie ins Unermessliche, eine Abhängigkeit, die zum entscheidenden Zeitpunkt nicht erfüllt werden konnte. Nach einhundert Jahren war es schließlich so weit: Die Zeit war verstrichen, die Uhren standen still, und das Volk war bereit, seinem Schicksal zu begegnen. Doch sie warteten. Ein Tag verging, und sie warteten. Eine Woche verging, und sie warteten. Ein Monat verging, und sie warteten noch immer. Nach einem Jahr waren die Zweifel zu einer ernstzunehmenden Bedrohung herangewachsen. Denn, wie ihr längst ahnt, geschah am Tag des Schicksals … nichts.
Verlorener Prinz
Fünf Jahre sind seit der folgenreichen Schlacht im Krater von Hofstan vergangen. Während die sieben Ritterkönige in Frieden regieren, keimt im sagenumwobenen Königreich Honor eine alte, nur zu bekannte Bedrohung.
Der Schrecken ist untrennbar mit der Herrscherdynastie des Reiches verwoben – und stellt Regentin Sûror ebenso wie ihren Neffen Louis vor ihre eigene Vergangenheit.
Was wie ein altbekannter Konflikt wirkt, ist erst der Anfang eines Chaos, das sich über die ganze Welt auszubreiten droht.
Leseprobe
Die ersten Seiten von Verlorener Prinz.
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Das Scharlachrote Chaos
Die Stadt Glessoir ist gefallen – und mit ihr die letzte Hoffnung des Königreichs Honor. Während Sylvex einen unerwarteten Verbündeten findet und die Kontrolle über Eldaroux übernimmt, sucht Prinzessin Sûror Zuflucht im Königreich Equin, wo sie mit ihrem Verlust ringt.
Unterdessen begegnen sich zwei verlorene Seelen in einer Welt, die in jeder Faser ihrer Existenz unwirklich wirkt – und doch mit allem verbunden ist.
Leseprobe
Die ersten Seiten von Das Scharlachrote Chaos.
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Die Geschichte der Drillinge
In Eldaroux läuft Sylvex die Zeit davon. Die Stimmung im Volk kocht von Tag zu Tag weiter hoch, und wachsame Blicke lassen ihn nicht mehr los.
Derweil tauchen Louis und Deorie tiefer in die Vergangenheit ein, stellen sich Ursprung und Wahrheit ihrer eigenen Linie – und suchen zugleich verzweifelt nach einem Ausweg.
Nahe Glessoir aber leckt der wahre Feind seine Wunden und rüstet sich, Eldaroux und Honor seine ganze Macht spüren zu lassen.
Leseprobe
Die ersten Seiten von Die Geschichte der Drillinge.
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Das Oberste Stockwerk
Etrag und seine Streitmacht sind ihrem Ziel nicht mehr fern. Sylvex' größter, wichtigster Moment steht kurz bevor – auch wenn die Schatten seiner eigenen Taten sich längst um ihn geschlossen haben.
Sûror kehrt heim, getrieben von ihrem Entschluss und verfolgt von ihrem Verlust. Doch nicht alles ist, wie sie geglaubt hat.
Und während sich der Konflikt auf Erden zuspitzt, betreten Louis und sein Onkel einen Ort, der allem widerspricht, was sie zu wissen glaubten – und der sie mit Wahrheiten konfrontiert, für die keiner von beiden bereit ist.
Leseprobe
Die ersten Seiten von Das Oberste Stockwerk.
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Die Schlacht von Eldaroux
Die Streitmächte sind versammelt, die Kontrahenten stehen sich gegenüber. Der Höhepunkt des Konflikts – das Pulverfass, das sich seit Verlorener Prinz aufgeladen hat, entlädt sich. Eine einzige Nacht, in der sich alles verändert.
Leseprobe
Die ersten Seiten von Die Schlacht von Eldaroux.
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Das Archiv
Die Wissensdatenbank zu Bollwerk: Figuren, Orte, Fraktionen und mehr. Da hier Wissen aus der gesamten Reihe zusammenläuft, lauern zwischen den Einträgen unweigerlich Spoiler — wer noch nicht aufgeholt hat, liest auf eigene Gefahr weiter.
Die Karte
Die Welt von Bollwerk zum Erkunden – klickbare Orte, verknüpft mit dem Archiv.
Satellitenansicht, erzeugt aus den Landschaftsbeschreibungen des Autors. Ziehen zum Bewegen, Scrollen oder Doppelklick zum Zoomen, Orte und Reiche anklicken.
Die Karten der Bände
Jeder Band bringt seine eigene Karte mit, so wie sie auch im Buch zu finden ist.
Königreich Equin, wie sie auch in Sieben Ritterkönige abgedruckt ist. Klickbare Orte, verknüpft mit dem Archiv, folgen.
Die Karte zu Verlorener Prinz ist noch nicht eingefügt.
Die Karte zu Das Scharlachrote Chaos ist noch nicht eingefügt.
Die Karte zu Die Geschichte der Drillinge ist noch nicht eingefügt.
Die Karte zu Das Oberste Stockwerk ist noch nicht eingefügt.
Die Karte zu Die Schlacht von Eldaroux ist noch nicht eingefügt.
Elian A. Keil
[Platzhalter – hier kommt später eine kurze Vorstellung des Autors hin: was Bollwerk inspiriert hat, wie die Reihe entstanden ist und was als Nächstes kommt.]
Impressum
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Stand: November 2026
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